Die Geschichte von Heringsdorf

Heringsdorf selbst zählt inzwischen etwa 4.000 Einwohner und gehört damit zu den größeren Orten auf Usedom. Die Anfänge waren indessen ganz bescheiden. Sie liegen bereits im späten 14. Jahrhundert: Denn 1392 baute der Eigentümer der Güter Gothen und Mellenthin ein Gasthaus mit Übernachtungsmöglichkeit, das er Tessentin nannte. Es scheint die Grundlage für den späteren Ort Neukrug gewesen zu sein, das heutige Heringsdorf. 1817 kaufte Georg Bernhard von Bülow, ein Vorfahr des berühmten Loriot, die Rittergüter Mellenthin und Gothen, auf denen er Fischer ansiedelte.

Bereits 1825 sind erste Urlauberzahlen zu verzeichnen – vermutlich spielte nicht nur der allgemeine Trend eine Rolle, sondern auch die Vorliebe des preußischen Königshauses für speziell diese Region. Da wollten der Adel und das wohlhabende Bürgertum nicht nachstehen.

Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Heringsdorf zu einem recht ansehnlichen Ort mit etlichen Aktivitäten. Offenbar hatten die 400 Gäste, die das Dorf im Jahr 1846 zählte, für einigen Wohlstand gesorgt. Immerhin konnte die Gemeinde zwei Jahre später die Kirche einweihen und 1867 einen Schützenverein gründen.

War Herr von Bülow auch verantwortlich für die eigentliche Existenz des Ortes Heringsdorf, so gilt Dr. Hugo Delbrück als der Förderer des Tourismus. Denn 1871 erwarb er große Flächen des Gutes Gothen und baute dort Ferienunterkünfte. Das Folgejahr kennzeichnete den offiziellen Beginn des Seebades Heringsdorf mit der Errichtung einer Aktiengesellschaft, deren Vorstand selbstverständlich Herr Delbrück wurde.

Im Anschluss daran konnten auch beträchtliche Summen in die Infrastruktur fließen; der Bau wichtiger Straßen, einer Schule, etlicher Hotels und einer Befestigung der Promenade zum Hochwasserschutz fallen in die Jahre bis zur Jahrhundertwende. Zugleich gab es verschiedene Erweiterungen des Freizeitangebots für die Sommerfrischler: Der Bau der Seebrücke, eines Kasinos und die Anbindung von Heringsdorf an das Bahnnetz zählen zu den wichtigsten Verbesserungen. Die rasant gestiegenen Gästezahlen sprechen für den Erfolg dieser Maßnahmen: 1895 waren es bereits 10.000.

Im neuen Jahrhundert ging die Entwicklung ebenso schnell weiter: Die Sommerfrischler überschwemmten das Seebad Heringsdorf regelrecht, und die Baumaßnahmen machten ebenfalls Fortschritte. Das Jahr 1908 war insoweit bedeutsam, als erfolgreiche Solebohrungen den Grundstein für das Kurwesen in Heringsdorf legten. Entsprechend veränderte sich auch das Gesicht der Ortshaft: Da jetzt auch Patienten Erholung suchten, entstanden Sanatorien und diverse Kureinrichtungen.

Mit dem Beginn der DDR verschoben sich die Prioritäten im Seebad Heringsdorf. Auch jetzt diente der Ort als Erholungsstätte, aber es handelte sich um organisierte Reisen, zu denen ausschließlich Regimetreue Zugang hatten. Die Regierung zeigte wenig Interesse an den historischen Bauten – überraschend viele Brände fallen in die 1950er und 60er Jahre. Die zerstörte Bausubstanz musste Neubauten weichen, die allein durch Zweckmäßigkeit auffielen. Immerhin florierte das Ostseebad Heringsdorf nun auch im Winter, da es vorbeugende Kuren in verschiedenen Ferienheimen gab.

Das internationale und mondäne Flair des Seebads Heringsdorf verschwand während der DDR-Zeit fast vollständig. Es lebte erst nach der Wende wieder auf. Mit der Gründung der Historischen Gesellschaft Heringsdorf im Juni 1994 fand das Interesse an den Bauten von früher ein Ventil; es flossen reichlich Fördergelder in die Sanierung, die Erweiterung und den Erhalt alter Baudenkmäler. Nach und nach starteten renommierte und erstklassige Hotels ihren Betrieb in Heringsdorf. Aber auch für die weniger Reichen gab es Übernachtungsmöglichkeiten. Inzwischen verfügt das Ostseebad Heringsdorf über zahlreiche Ferienwohnungen, Pensionen und Hotels aller Kategorien; zudem erstrahlt die Jugendherberge nach der grundlegenden Renovierung in neuem Glanz, und Camper finden einen großen Stellplatz für Wohnmobile.